Teil 4 - Die Schönheit liegt im Verborgenen

Ja, auch ich schwärme für alte Gebäude! Insbesondere für die aus der Jugendstilzeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich mag ihren Charme. Die Ornamente an den Fassaden  knarrende Dielenböden, hohe Fenster und Decken mit Stuck. Sie scheinen für die Ewigkeit gebaut worden zu sein. Sie protzen mit ihrer aufwändig ge-stalteten Fassade und trotzen allen Widrigkeiten, nur mutwillige Zerstörung konnte sie bisher in Schutt und Asche legen. Ich begegne alter Substanz immer mit Demut. Und so wie mir das Herz aufgeht, so fühlen viele andere Menschen auch. Teilweise gehen sie noch einen Schritt weiter und beharren auf ihre Meinung, dass der Jugendstil die einzige ästhetische Bauart in der Geschichte des Westens ist. Alles was wir Deutschen in den letzten 70 Jahren an Bauten hochgezogen haben, sei gesichts- und qualitätslos. Da ist es doch schön zu beobachten, dass seit geraumer Zeit die Gründerzeit ihr Come Back feiert, wie es im Keplerquartier, auf dem ehemaligen Sickinger-Gelände oder auch an der Ludwigshafener Hafenpromenade zu sehen ist. Und so sehr auch ich mich darüber freue, dass diese alte Stilform in der Architektur wieder aufgegriffen wird, so sollte man die aus der Nachkriegszeit nicht verteufeln.

Und das war auch nicht immer so. Es gab mal eine Zeit, da war es genau andersrum und Altbauten hatten alles andere als einen guten Ruf. Desaströse Elektro-leitungen, veraltete Heiztechnik, schlimmsten Fall noch mit Kohle, kein wirkliches Bad und die Toilette hinten im Hof oder im Treppenhaus. Horrende Kosten wären bei Sanierungen entstanden. Das war für einige Menschen die Sache nicht wert. Man zog einen Neubau vor. Insbesondere in den 1960er und 1970er Jah-ren, als es den Deutschen wieder finanziell gut ging. Bungalows lagen unter anderem voll im Trend. Selbst die deutschen Kanzler zu der Zeit lebten in Bonn in einem. Und auch ich bin in so einem Exemplar aufgewachsen. Hinzu kamen schnell hochgezogene Siedlungen und Hochhäuser. Die einen boten der wachsenden Bevölkerung ein Dach über den Kopf, die anderen hielten zudem als Statussymbol der jeweiligen Gemeinde her. Sie sind lebendige Beweise des erneuten wirt-schaftlichen Aufschwungs und der jüngsten Geschichte Deutschlands. Sie werden verkannt oder liegen im Dornröschenschlaf. Ihre Schönheit liegt im Verborge-nen und wartet darauf entdeckt zu werden. 

Und von daher freue ich mich, wenn Einrichtungen wie die GBG beweisen, dass man u.a. auch „gesichtslose“ 1950/60er Jahre Zweckbauten wieder Leben ein-hauchen kann. Neben zahlreichen Exemplaren auf der Schönau oder in Käfertal ist nach wie vor mein liebstes gelungenes Sanierungsprojekt die Siedlung zwi-schen Ulmenweg und Landwehrstraße in der Neckarstadt. Sie wurden kernsaniert, ja, aber allein schon der frische Anstrich, die neuen Balkone und Gärten ge-ben dem Ensemble wieder ein freundliches, lebens- und liebenswertes Erscheinungsbild. Die Häuser sind schön! Und die Bewohner wirken stolz auf ihr neues Zuhause und pflegen es.

Es liegt also bei den Eigentümern, ihre Immobilie in Schuss zu halten und für ein ordentliches Äußeres zu sorgen. Und manchmal reicht auch schon der Hoch-druckreiniger, ein neuer Anstrich oder neue Fenster. Dabei sollte man klassische Fensterläden nicht unterschätzen! Sie schmücken viele Häuser, egal aus welcher Epoche sie stammen. Es braucht also keine Jugendstilhäuser um eine Stadt wie Mannheim attraktiv zu machen. Es geht darum aus der bestehenden Substanz das Beste herauszuholen und wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Hören wir also auf zu lamentieren und beteiligen uns als Mieterin und Mieter aktiv daran. Denn allein mit gepflegten grünen Vorgärten und blühenden Balkonpflanzen wäre schon viel erreicht!

Dieses Wohnhaus aus den 1960/70er Jahren am Dalbergplatz punktet mit

einem freundlichen Erscheinungsbild. Jetzt sind die Mieter gefordert,

ihrem Zuhause mit Balkonpflanzen ein Krönchen aufzusetzen!

 

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