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Teil 1 - Über Überlebenskämpfer und einem verzauberten Ort

Die heutige Route beginnt, wie die vorherige endete. Vom Kurpfalzkreisel ausgehend über Kurpfalz-brücke und Lange Rötterstraße. Vom Uhlandkiosk aus zum Herzogenriedpark. Anschließend rechts-herum über Jakob-Trumpfheller-Straße, Hochuferstraße und Ulmenweg zur halben Fahrradbrücke. Nach dem Überqueren verläuft der Weg zum Waldhof entlang der Schienen und führt unter der Schnek-kennudel hindurch zu einem Ort, der mich immer traurig und nachdenklich stimmt.

Es hat nämlich schon was Zynisches, wenn man in der Straße „Frohe Zuversicht“ steht. Hier im süd-lichen Teil des Waldhofs, nicht unweit vom Benz-Werk entfernt, wurden in der Nachkriegszeit einfachste Häuser für verarmte Menschen gebaut. Die Benz Baracken.

„Neues Leben“, „Frischer Mut“, „Freier Weg“ - Es ging im Nachkriegsdeutschland wieder voran und all diese Begriffe sollten symbolisch für den wirtschaftlichen Aufschwung stehen. Doch bei den Bewohnern hier rund um die Hessische Straße und die Obere Riedstraße kam er nie an. Bis heute. Selbstverschuldet oder aus unglücklichen Umständen - jeder einzelne Bewohner hat seine eigene Geschichte. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zugang zum Waldhof, der Fahrradweg unterhalb der "Schneckennudel"

Wie Boxlegende Charly Graf, der bei seiner Mutter in den Benz Baracken auf-wuchs. Sein Vater, ein afroamerikanischer Soldat, wurde kurz nach Charlys Geburt 1951 wieder in die USA zurückkommandiert. Grafs Kindheit war keine leichte. Als Mischlingskind diffamiert und ausgegrenzt fand er Halt im Sport. Seine Profikarriere als „Ali vom Waldhof“ begann Ende der 1960er Jahre. Als 17-jähriger schlug er seinen Gegner gleich in der 1. Runde k.o. und wurde als Held gefeiert. Weitere erfolgreiche Kämpfe sollten folgen bis unausweichlich die erste Niederlage kam. Das riss dem jungen Mann den Boden unter den Füßen weg. Er geriet ins Rotlicht-Milieu und wurde kriminell. Insgesamt zehn Jahre saß er in deutschen Gefängnissen. Kurz vor Ende seiner Haftzeit durfte er als erster Häftling Deutschlands unter Aufsicht wieder in den Ring steigen. In den 1980er Jahren gelang ihm der Titel des Deutschen Meisters im Schwer-gewicht. Graf lebt heute wieder in Mannheim, arbeitet als Sozialarbeiter und setzt sich für verhaltensauffällige Jugendliche ein.

Straße in den Benz Baracken

 

Eine weitere Bewohnerin der Mannheimer Benz Baracken erlangte 2008 ebenfalls (in diesem Fall traurige) Berühmtheit. Die Rede ist von Christine Zehnbauer. Ihr Anruf in tiefstem Mannemerisch bei der Polizei geriet in die Öffentlichkeit und belustigte Dank YouTube die Menschen weit über die Region hinaus. Das Medieninteresse war enorm. Alle wollten die Frau kennen-lernen, die die Polizei aufforderte, ihrem Nachbarn das laute Musikhören zu unterbinden, ansonsten würde sie selbst nach nebenan gehen und ihm das dreckige Maul prügeln. Soweit kam es glücklicherweise nicht. 

Aber wahrscheinlich entdeckte RTL II aufgrund des Medienrummels um Frau Zehnbauer die Benz Baracken für sich. Mit „Hartz und herzlich“ erreichte die Doku-Serie seit drei Jahren ein Millionen Publikum. Christine Zehnbauer ist nicht Teil dieser Serie, sie verstarb wenige Jahre nach ihrem Anruf mit nur 46 Jahren. Wie der aufgezeichnete Anruf bei der Polizei ins Internet geraten konnte, wurde nie geklärt. 

Frohe Zuversicht sieht anders aus, ein Wohnhaus in der Straße "Freier Weg"

Der Waldhof hat noch weitere berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht, die bei einem breiten Publikum sehr beliebt sind. Schauspieler Uwe Ochsen-knecht, Comedian Bülent Ceylan und natürlich einige ehemalige Fußball-profis des SV Waldhofs, auf die ich später noch eingehen werde.

Zuerst verläuft aber die Route durch die Gartenstadt. Gleich am Anfang der Straße "Neues Leben"  geht rechts eine grüne Ader ab. Es ist ein einfacher Weg. Wiesen und Sträucher dominieren und ich hoffe, dass es kein zukünf-tiges Bauland ist. Am Ende folgt kurz darauf die starkbefahrene Waldstraße. Nach dem Überqueren geht es links über "Regenbogen" und anschließend rechts in die "Abendröte" zu einem verzauberten Ort. Gemeint ist die Auf-erstehungskirche aus den 1930er Jahren, die auf einer Erhöhung, dem Kuh-buckel, steht. Architekt war Christian Schrade, der auch für die Christuskirche in der Oststadt verantwortlich ist. Bei ihrem Anblick fühlt man sich wie in einem Dorf im Odenwald versetzt. Das Pfarrhaus davor tut sein Übriges. 

Ja, das ist in Mannheim! - Die Auferstehungskirche in der Abendröte 59

Zurück zum Regenbogen führt ein Fuß- und Radweg über die Gleise und an der Eduard-Spranger-Schule vorbei zur Wotanstraße. Die Straße ist im ersten Augenblick eine ganz gewöhnliche Straße. Links und rechts haben Bewohner sich ihren Traum vom Eigenheim verwirklicht. Aber nach dem Überqueren der Kasseler Straße führt die Route an einem Ort, der unbeschreiblich und eines meiner persönlichen Highlights in Mannheim ist. Der historische Kern der Gartenstadt. Allein die Wotanstraße begeistert mich schon mit ihren pastellfarbenen Häusern. Wären da nicht die vielen geparkten Autos am Straßenrand, dieser Ort wäre die perfekte Filmkulisse. Zumindest in meiner Vorstellung als ehemaliger Regisseur. Wem in diesem Moment ebenfalls der Anblick entzückt, wird eine leise Ahnung davon haben, was ihn wenige Meter weiter erwartet!

Aber davon berichte ich erst kommende Woche...

Die Wotanstraße führt in den alten Kern der Gartenstadt - ein traumhaftes Areal erwartet die Besucher! 

 

 

1. Streckenabschnitt der Route "Wo der Fußball Zuhause ist"

01  Benz Baracken an der Oberen Riedstraße - es ist keine Sehenswürdigkeit  

       im klassischen Sinne. Den hier dort lebenden Menschen ist mit

       besonderem Respekt zu begegnen.

02  Auferstehungskirche mit Pfarrhaus auf dem Kuhbuckel - Abendröte 59

03  Wotanstraße - Zugang zum alten Kern der Gartenstadt

 

Fahrzeit der gesamten Strecke: 1 Std. und 30 Min.

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