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Teil 2 - Über Hans, Christel, Bärbel und Inge, grüne Adern und die kurpfälzische Reeperbahn

Was bedeutet „grüne Ader“? Eine grüne Ader ist für mich im besten Fall ein breitangelegter Rad- und Fußweg aus feinem Kiesboden oder auch Asphalt, mit Hecken, Sträuchern und Bäumen, deren Kronen zusammen vor Sonnen-einstrahlung schützend einen Bogen über den Weg schlagen. Laternen sor-gen bei Dämmerung und in der Nacht für eine ausreichende Beleuchtung, Sitzbänke laden zum Pausieren ein. Grüne Adern lassen ein fast vergessen, dass man sich innerhalb einer Großstadt bewegt. Diese Wege sollten nicht nur die Stadtteile miteinander verbinden, sondern auch so nah wie möglich einen naturnahen Zugang zu den Quadraten ermöglichen. So wie es die Stadt Speyer auf der anderen Seite des Rheins vormacht. Aus nördlicher Richtung kommend fährt man hier mit dem Rad, bis auf ein kleines Stück, über so eine grüne Ader bis fast in die Altstadt! Und so nutzen nicht nur Ausflügler, die den Dom besichtigen wollen, diesen Weg, sondern auch die Bewohner, um in die Stadt zu gelangen.

Die Parkau im Niederfeld

 

Die beiden grünen Adern in diesem Fall sind für die Almenhöfer und Nieder-felder von der Steubenstraße aus eine Art Zubringer zum Waldpark bzw. Stollenwörthweiher. Zu der damaligen Zeit hatte man sich noch keine Gedanken gemacht, vergleichbare Wege in Richtung Quadrate anzulegen.

Diese Route verläuft hier ab Schwarzwaldstraße in entgegengesetzter Rich-ung und kreuzt dabei die Feldberg- und Beichenstraße bevor sie vor einer Treppe zur Steubenstraße hin endet. Rechts über die Stauffenbergstraße gelangt man ins Neubaugebiet und von dort aus rechts auf die Sonnige Au die zurück zum Stollenwörthweiher führt. Dort geht es dann links am Badesee entlang und endet an der Rheingoldstraße. Rechts befindet sich hinter dem Eingang zum „Stolli“ ein Kreisverkehr, von dem links ein Weg zur Golfanlage führt. Einmal rechts, nächste links und auf dem Rheindamm wieder links. Nach rund 800m endet der Damm und der Weg führt entlang einer Kleingar-tensiedlung rechts über die Marguerrestraße zum Alten Pumpwerk Neckarau. 

Gelungene Neubausiedlung zwischen Steubenstraße und Sonnige Au

Das Alte Pumpwerk aus dem 1903er Jahr im neogotischen Stil wurde nach den Plänen des Mannheimer Stadtbaudirektors Richard Perrey entworfen, der sich u.a. auch für den Bau des Herschelbades, der Alten Feuerwache, des Luzenberger Wasserturms und des Universitätsklinikums verantwortlich zeichnet. Nach seiner Stilllegung übernahm Dietmar Brixy das Industriedenk-mal und lies es aufwendig sanieren und erhielt dafür zahlreiche Preise. Brixy ist wohl neben Horst Harmann einer der bedeutendsten Künstler unserer Stadt. Der studierte Bildhauer widmete sich im Laufe seines Schaffens immer mehr der Malerei und feiert mit großformatigen und floralen Ölgemälde international große Erfolge. Nicht zuletzt durch seine besondere Gestaltungs-technik der Schichtenmalerei mit Pinsel und Hände und vielen Herausschä-lungen durch Malmesser oder Spachtel. Einmal im Jahr im Spätsommer öffnet er die Türen zu seinem Atelier und Wohnraum im Alten Pumpwerk und stellt die aktuellsten Bilder aus. Allein sein Garten ist schon ein Besuch wert!

Das Alte Pumpwerk Neckarau in der Aufeldstraße 19

Von der Aufeldstraße geht es links in die Angelstraße, in der sich das ehe-malige Gelände der Alten Seilerei Wolff befindet. Ein Großteil der Fabrikge-bäude sind noch erhalten und werden von anderen Unternehmen genutzt. Desweiteren ist hier das MS Connexion, eine Großraumdiskothek mit 4 Floors und einem breiten musikalischen Angebot. Einst galt das hier stattfindende Gaywerk als die größte Queer-Party Deutschlands. Insbesondere Schwule reisten regelrecht mit Bussen aus ganz Deutschland an, um in Mannheim die Nacht zum Tag zu machen. Die Kulturstätte „Alte Seilerei“ bietet regelmäßig Konzerte an, das Rhein-Neckar-Theater hat sich auf Travestie und Musik-theater spezialisiert. Zu guter letzt befindet sich hier Europas größte private Kutschensammlung. An der Spitze am nahegelegenen Neckarauer Bahnhof befindet sich das denkmalgeschützte aber leider lehrstehende Verwaltungs-gebäude der Seilwolff. Übrigens: Die für die Produktion der Seile erforderliche Seilerbahn nennt man in Norddeutschland Reeperbahn.

Das Seilwolff-Verwaltungsgebäude an der Angelstraße

Die Route führt durch die vorbildliche Fahrrad- und Fußgänger freundliche Unterführung auf die andere Seite Neckaraus. Rechts am Kreisverkehr geht es auf der anderen Seite runter zur Brückeswasen und direkt links und nach der Kreuzung zur Altmühlstraße. Hier sieht man schon den Eingang des Neckar-auer Friedhofs mit den drei Eingangsbögen und der angrenzenden Kapelle. Das unter Denkmalschutz stehende Ensemble wurde mal sträflich vernach-lässigt. Ein extra gegründeter Verein setzte sich für den Erhalt ein und sam-melte für die erforderliche Sanierung erfolgreich Spenden. Der neugotische Bau steht nun wieder in voller Pracht da. Die Kapelle wird heute als Urnen-halle genutzt. Der Weg geht links zwischen Kleingartenanlage und alter Friedhofsmauer weiter und macht mit Blick auf das Neckarauer Großkraft-werk eine große Runde um das landwirtschaftlich genutzte Feld. Über den Radweg an der Donaustraße geht es wieder zurück bis zur Morchfeldstraße, um in die schräg gegenüberliegende Schildkrötstraße einzubiegen.

Der Neckauer Friedhof in der Friedhofstraße

 

Das Gelände der Schildkröt-Fabrik war mit 200 Werksgebäuden riesig. Kaum davon ist übrig. Zwei, drei denkmalgeschütze Hallen nahe der Floßwörth-straße und der schlanke, schon weit sichtbare Wasserturm, der das nächste Ziel ist. Die Geschichte der „Rheinischen Gummi & Celluloid Fabrik“ begann mit der Gründung 1873 durch Friedrich Bensinger und die Brüder Lenel.  Ihren Namen erhielt sie erst 13 Jahre später nach einem verheerenden Brand  und sollte den Neuanfang symbolisieren. Der große Erfolg der Firma kam mit der Entwicklung der Blas-Press-Methode für Kunststoffe Ende des 19. Jahr-hunderts. Sie ermöglichte es Puppenköpfe, die bis dato aus Porzellan ange-fertigt wurden, aus Cellloid preisgünstig herzustellen. Das gesetzlich ge-schützte Warenzeichen war eine Schildkröte in einer Raute. Die Puppen Hans, Christel, Bärbel, Inge und Strampelchen entwickelten sich zu absoluten Verkaufsschlager und sind heute beliebte Sammlerstücke. Bis 1960 blieb „die Schildkröt“ marktbestimmender Puppen-Produktionsstandort in Europa.

Der Neckarauer Wasserturm in der Janderstraße

2. Streckenabschnitt der Route "Im grünen Süden"

01  Parkau

02   Sonnige Au

03  Stollenwörthweiher, Rheingoldstraße

04  Altes Pumpwerk Neckarau, Aufeldstraße 19

05  Seilwolff in der Angelstraße

06  Neckarauer Friedhof, Friedhofstraße

07  Neckarauer Wasserturm / ehemalige Schildkrötfabrik, Janderstraße

 

 

Fahrtzeit der gesamten Strecke: 1 Std. und 45 Min.

 

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