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Teil 1 - Über Riesen und quirlige Scheißerchen

Eigentlich wollen wir alle es nicht wahrhaben, aber neben dem Wasserturm sind auch die Wohntürme an der Neckarpromenade unser Wahrzeichen. Schon von weitem sieht man die drei Riesen, die dem Brutalismus der 1970/ 80er zu zuordnen sind. So auch am Ausgangspunkt dieser Route durch die Neckarstadt: dem Kurpfalzkreisel. Potthässlich wird der eine oder andere aufschreien. Aber damals wollten Städte halt ein Statement setzen. Hoch-häuser und Wolkenkratzer galten und gelten auch heute noch in anderen Ländern als Statussymbole, siehe Hongkong oder New York. Sexy sind die wenigsten. Allein in Frankfurt verbindet man das Leben in luftiger Höhe mit Lifestyle. Übrigens Deutschlands erstes höchstes Hochhaus war das Friedrich-Engelhorn-Haus der BASF in Ludwigshafen.

Ich mag die drei Riesen, weil sie mit den Terrassenwohnungen davor als Ensemble auftreten und für mich eine Einheit bilden. Die Bewohner beneide ich um den grandiosen Ausblick auf Odenwald und Pfälzer Wald. Und auf unsere schöne Neckarstadt! Willkommen in meinem Quartier.

Es geht über die von Fußgängern und Radfahrern meist frequentierteste Brücke Mannheims. Und dabei treibt es jedem, der weiß, wie einst die Kurpfalzbrücke ausgesehen hat (eine Fotografie hängt im Aufzug der Alten Feuerwache!), die Tränen in die Augen beim Anblick dieses heutigen unsäglichen Flickenteppichs. Man hatte die Brücke mal versucht aufzu-werten und setzte Blumenkästen ans Geländer, aber schon in der Nacht darauf fielen sie dem Vandalimus zum Opfer. Dann erhielt plötzlich eine neue Kunstform aus Mannheim hohe internationale Beachtung. Das Zebrating. Unbekannte hatten Portraits in vertikale Streifen geschnitten und auf die Gitterstreben der Kurpfalzbrücke geklebt. Von einem bestimmten Winkel aus, wuchsen sie für den vorbeilaufenden Betrachter wieder zu einem zusammen-hängenden Bild zusammen. Das gefiel den Neckarstädtern sehr. Aber leider war die Kunst nichts für die Ewigkeit. Das Material löste sich, wie von dem Künstlerduo beabsichtigt, schon bald wieder auf. 

Blick von der Kurpfalzbrücke, hier in Richtung Heidelberg

Unterhalb von der Brücke auf Neckarstadt-Seite tummeln sich ab den ersten warmen Tagen im Jahr zig Studenten und türkische Familien zum Sonnen-baden, Sport machen und Grillen. Neben all den Menschen gesellen sich noch zwei tierische Exemplare dazu. So haben Halsbandsittiche die Bäume direkt an der Neckarpromenade an der Litfaßsäule zu ihrem Nachtquartier erklärt. Zu hunderten sind diese quirligen, kleinen Scheißerchen in Mann-heim anzutreffen. Sie lieben das milde Klima am Rhein und fühlen sich besonders hier in unserer Region pudelwohl.

Im August kann man ein ganz besonders Naturschauspiel auf der Kurpfalz-brücke beobachten. Dann schlüpfen zu Millionen Eintagsfliegen. Im Licht der Laternen kämpfen die Männchen um die Gunst der Weibchen. Nach erfolg-reicher Paarung sterben sie. Die Weibchen legen ihre befruchteten Eier ab und folgen anschließend ihren Partnern in den Fliegenhimmel. Oder besser gesagt: Sie fallen tot zu Boden. Die Kurpfalzbrücke wirkt dann wie schnee-bedeckt. Im Sommer!

Die Route führt über die Promenade Fluss aufwärts in Richtung Wohlge-legen. Der östliche Stadtteil der Neckarstadt trägt nicht umsonst diesen Namen, schließlich konnte man hier Hochwasser geschützt Mannheims Hauptfriedhof anlegen. Die erste Station ist aber das Universitätsklinikum unmittelbar am Neckar. Hier entlang der alten Baumallee befindet sich auf über 400m Länge der historische Teil von 1922. Ein heller Klinkerbau, bestehend aus zwei seitlichen Flügeln und einem Haupthaus mit 2 Pavillons und einem großen, gusseisernen Eingangstor. Zu weilen ähnelt er schon einem Schloss und hätte eigentlich mehr positive Beachtung verdient. Denn auch hier gibt es Historisches und Architektonisches zu entdecken, z.B. die kleinen Terrassen mit den gestreiften Markisen vor den Zimmern im oberen Stockwerk, die sicher zur damaligen Zeit den gutsituierten Bürgern vorbehalten waren.

 

Universitätsklininikum an der Friedrich-Ebert-Brücke

Der weitere Weg verläuft über den anschließenden Kreisverkehr auf die andere Straßenseite zum größten Jüdischen Friedhofs Baden Württembergs. Auf Grabsteine mit nur noch kaum lesbarer Inschrift folgen ganze Familien-gruften. Bernhard Herschel, der Stifter eines der letzten Jugendstilbäder Deutschlands, dem Herschelbad wurde ebenso hier bestattet wie Seligmann Ladenburg, der neben Friedrich Engelhorn die BASF mitbegründet hatte.

Ein gläserner Kubus auf den Planken erinnert an all die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Mannheim.

Nebenan befindet sich der Haupteingang zum Hauptfriedhof, der aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt und grad durch seine Arkaden links und rechts hervorsticht. Die integrierten Hallen dienen heute der Urnenaufbewahrung.

Jüdischer Friedhof - Öffnungszeiten:

Montag bis Donnerstag: 07:30 bis 16:00 Uhr

Freitag: 07:30 - 13:00 Uhr, Samstag geschlossen, Sonntag: 09:00 - 14:00 Uhr

Auf den ersten Metern wirkt der Friedhof wie ein weitläufiger Park, statt ein Ort der Totenruhe. Er überrascht auch im Innern mit neuen Formen der Friedhofsgestaltung: Hügellandschaften, Teiche, Brücken, alternative Bepflanzungen. Der Friedhof lädt immer mehr die Lebenden dazu ein, ein wenig über die übliche Zeit hinaus hier zu verweilen. Ich nutze dieses Angebot gerne im Winter, da es hier über die kalten Monate hinweg überdurchschnittlich grün ist und mir gerade an sonnigen Tagen dann ein Spaziergang überaus gut tut. Dabei laufe ich gerne an den alten Gräbern und Familiengruften lokaler Prominenter vorbei, wie z.B. die ehemaligen Oberbürgermeister Otto Beck und Fritz Cahn-Garnier, Intendant Wolfgang Heribert von Dalberg, der für die Uraufführung von Schillers „Die Räuber“ verantwortlich war, und Dramatiker August von Kotzebue, dessen Mörder, Karl Ludwig Sand, ebenfalls hier begraben ist. Auch Friedrich Engelhorn und Heinrich Lanz haben hier ihre letzte Ruhe gefunden.

Hauptfriedhof Mannheim, Am Jüdischen Friedhof 1

 

1. Streckenabschnitt der Route: Willkommen in meinem Quartier

01  Start / Kurpfalzbrücke

02  Neckarpromenade

03  Universitätsklinikum

04  Jüdischer Friedhof

05  Mannheimer Hauptfriedhof

 

Reine Fahrtzeit der gesamten Strecke:  ca.1 Std. und 30 Min.

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